Am Ende der Schulzeit hat nur etwa ein Drittel der Jugendlichen aus niedrigen sozialen Schichten eine Studienberechtigung erzielt, gegenüber mehr als drei Viertel aus hohen sozialen Schichten – und dieser Unterschied ist nur teilweise auf Kompetenzunterschiede zurückzuführen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi). Sie belegt, wie stark der Bildungsweg in Deutschland von der sozialen Herkunft geprägt wird – und das bereits in den ersten Lebensjahren. Die Untersuchung mit dem Titel "Von der Kita bis zur Uni: Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen" betrachtet Bildungsverläufe von der Geburt bis zum Alter von 26 Jahren. Die Forschenden analysierten dabei den Einfluss der sozialen Herkunft sowie der kulturellen, sozialen und finanziellen Ressourcen des Elternhauses auf die Entwicklung von Kompetenzen, Bildungsentscheidungen und Leistungsbeurteilungen durch Lehrkräfte.
Sie kommen dabei zu dem Ergebnis, dass Bildungsungleichheiten früh entstehen und lange bestehen bleiben. Schon im Kleinkindalter unterscheiden sich Wortschatz sowie frühe mathematische und naturwissenschaftliche Fähigkeiten systematisch nach der sozialen Herkunft. Die Unterschiede vergrößern sich bis zum Schuleintritt und setzen sich im weiteren Bildungsverlauf fort. Entscheidende Weichenstellungen ergeben sich jedoch auch an den Übergängen zwischen einzelnen Bildungsetappen: Kinder aus Familien mit niedrigem beruflichem Status und niedrigem Bildungsniveau werden auch bei gleichen Kompetenzen und gleichen Noten seltener für das Gymnasium empfohlen als Kinder aus Familien mit hohen Niveaus. Unabhängig von der Empfehlung melden Familien mit hohem Sozialstatus ihre Kinder zudem häufiger am Gymnasium an. Am Ende der Schulzeit hat dann nur etwa ein Drittel der Jugendlichen aus niedrigen sozialen Schichten eine Studienberechtigung erzielt, gegenüber mehr als drei Viertel aus hohen sozialen Schichten – und dieser Unterschied ist nur teilweise auf Kompetenzunterschiede zurückzuführen
Beim Übergang in Studium und Ausbildung fallen herkunftsbedingte Ungleichheiten im Vergleich zur Schullaufbahn relativ gering aus. Da die erreichten Schulabschlüsse die Übergänge in unterschiedliche Berufs- und Ausbildungswege bereits stark vorstrukturieren, verwundert dieses Ergebnis allerdings kaum, resümieren die Autorinnen und Autoren der Studie.
Ein weiteres Ergebnis: Ein Migrationshintergrund allein führt nicht zu Benachteiligung. Zwar weisen Kinder mit Migrationshintergrund bei vergleichbaren sozialen Bedingungen oft geringere Kompetenzen auf, sie werden jedoch weder systematisch schlechter bewertet noch in ihren Bildungswegen benachteiligt. Die Studie zeigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund vor allem aufgrund ihrer niedrigeren sozialen Lage niedrigere Schulabschlüsse erwerben – und nicht wegen ihres Migrationshintergrunds.
Die Analyse der Bildungsverläufe basiert auf den Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Durchgeführt wurde sie von Prof. Dr. Marcel Helbig, Dr. Claudia Karwath und Prof. Dr. Corinna Kleinert vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe. Die Studie wurde von der Unternehmerstiftung für Chancengerechtigkeit gefördert.
Zur Pressemitteilung
Zur Studie "Von der Kita bis zur Uni: Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen"
Bild: © PPAMPicture/iStock.com